Archiv: Bischof Hein erneuert Vorschlag für Leitenden Bischof der EKD

Ein Interview des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

epd: Lassen Sie uns das Thema Reform ansprechen. In Kassel ist für September eine Zukunftswerkstatt «Kirche im Aufbruch» geplant. Wie ist der Stand?

Hein: Dieser Kongress ist ein Unternehmen der Evangelischen Kirche in Deutschland, das in Kassel stattfindet. Die Vorbereitungen sind nach meinem Wissen weit fortgeschritten. Ziel ist eine Zukunftsbörse über Reformprojekte, und dazu werden Multiplikatoren aus den beteiligten Landeskirchen eingeladen. Hier sollen gute Beispiele und Modelle vorgestellt und eine weitere Stufe im Reformprozess markiert werden. Der auf zehn Jahre bis 2017 angelegte Prozess braucht entsprechende Impulse. Einen solchen Impuls soll die Zukunftswerkstatt in Kassel liefern.

epd: Einen solchen Impuls haben Sie selbst gegeben mit einem Aufsatz, in dem Sie eine Stärkung der EKD-Ebene ins Gespräch bringen. Die Reaktionen waren aber wohl nicht nur zustimmend?

Hein: Nein. Das habe ich gar nicht erwartet. Mein Aufsatz ist ein Beitrag zur Strukturreform, auch wenn ich glaube, dass der Protestantismus in Deutschland nicht allein Profil gewinnt, wenn wir uns permanent um strukturelle Fragen kümmern.Mein Vorschlag zielt in eine doppelte Richtung. Zum einen sollten wir überlegen, ob das Modell eines Leitenden Bischofs oder Erzbischofs, das wir aus den nordischen Ländern oder in Partnerkirchen im Süden kennen, auf Deutschland übertragbar ist. Dieser Leitende Bischof wäre der Repräsentant der evangelischen Christenheit in Deutschland, stärker als dies bisher bei dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland der Fall ist. Aufgrund der Präsenz der Bundespolitik in Berlin sollte dieser Leitende evangelische Bischof zugleich Berliner Bischof sein. Das wäre ein großerWurf, der nicht aus Tendenzen zur Katholisierung motiviert ist, sondern weil wir das in vielen ökumenischen Partnerkirchen erleben. Der Leitende Bischof ist Erster unter Gleichen. Dagegen gibt es freilich viele Widerstände, weil man das Modell des Reichsbischofs Müller aus der NS-Zeit vor Augen hat. Zudem befürchtet man im Protestantismus zu recht zu starke Zentralisierungstendenzen.

Wer das genannte Modell mit guten Argumenten nicht möchte, muss sich dann die Frage stellen, wie man denn die Gemeinschaft der Landeskirchen stärken kann. Dahin zielt mein zweiter Vorschlag zur Stärkung der Kirchenkonferenz als Organ der Gemeinschaft der Landeskirchen, in denen letztlich auch entschieden wird, wie viel Geld in der EKD zur Verfügung steht. Das heißt, die Kirchenkonferenz muss in der EKD ein größeres Gewicht erhalten. Es spricht einiges dafür, dass dieses abgeleitete Modell in den nächsten Jahren realisiert wird. Mir ging es darum, den Ball ins Spiel zu bringen und die weiterführende Diskussion anzustoßen.

 (Hinweis der Redaktion: Den Aufsatz von Bischof Hein finden Sie als Download rechts neben diesem Interview.)

epd: Der Bundeskirche geben Sie keine Chance?

Hein: Zumindest sollte man darüber diskutiert haben. Es gibt Tabuthemen in der EKD. Eines davon ist die Bundeskirche, weil es immer noch die negativen Erfahrungen der Reichskirche gibt. Die Demokratie in Deutschland und in der Kirche ist aber so gefestigt, dass es diese Gefahr nicht mehr gibt. Anzuerkennen ist, dass es durch den jetzigen Ratsvorsitzenden gelungen ist, in der Öffentlichkeit ein erkennbares Gesicht des Protestantismus zu präsentieren. Das muss auch strukturell unterfüttert sein.

epd: Das Reformpapier «Kirche der Freiheit» hat zum Thema Bundeskirche vor zwei Jahren vorgeschlagen, dass es in absehbarer Zeit nur noch zehn bis zwölf Landeskirchen geben sollte. Können Sie dem folgen?

Hein: In dieser Frage sollte sich die EKD raushalten. Die Entscheidung über Zusammenschlüsse ist Sache der Landeskirchen und muss von ihnen beantwortet werden. Es gibt Landeskirchen, die diese Notwendigkeit sehen. In Mitteldeutschland haben wir das hinter uns und in Norddeutschland vor uns. In Niedersachsen denken die fünf evangelischen Kirchen über eine gemeinsame Kirche nach. Andere Landeskirchen sehen diese Notwendigkeit nicht, einige sind auf einem guten Kooperationspfad.

epd: Stichwort Ökumene. Die katholische Kirche hat turbulente Wochen erlebt. Gab es Austritte wegen des Papstes?

Hein: Nicht im signifikanten Bereich. Unsere Austrittszahlen sind ohnehin sehr niedrig. Dass die katholische Kirche Gegenwind verspürt ist die Folge davon, dass das Kirchenverständnis auf eine einzige Person fixiert wird. Dann lässt sich nur hoffen, dass diese Einzelperson, der Papst, jeweils das Richtige tut. Eine so hierarchisch organisierte Kirche wie die katholische hat damit natürlich erheblich mehr Probleme als die evangelische.

epd: Das heißt, der Papst hat Fehler gemacht?

Hein: Nicht nur im Fall der Pius-Bruderschaft. Schon in seiner Regensburger Rede hatte er die falschen Worte gewählt und die Muslime aufgebracht. Auch bei der Rehabilitierung der Pius-Bischöfe war er nicht nur falsch beraten. Dahinter offenbart sich die Tendenz des Papstes, die eigene Kirche deutlich zu sichern und zu einen. Dazu gehört auch die Integration jener Gruppierungen, die sich am äußersten rechten Rand der Kirche bewegen. Nach dem Kirchenverständnis des Papstes ist dies nur konsequent.

epd: Hat dies Auswirkungen auf das Verhältnis zu den katholischen Bistümern in Hessen?

Hein: Nein. Wir dürfen die katholischen Bischöfe nicht für alles, was aus Rom kommt, unmittelbar haftbar machen. Die Reserviertheit, mit der die katholischen Bischöfe reagiert haben, hat mich beeindruckt.

epd: Ökumene wird auch mit Genf assoziiert. Nun steht ein Wechsel auf dem Chefposten des Weltkirchenrates an. Wie viele Bewerber gibt es?

Hein: Das wird sehr diskret behandelt. Nach meinem Kenntnisstand sind nicht allzu viele Bewerbungen eingegangen. Das läuft jetzt in einem geordneten Verfahren. Es wird im August spannend, wenn der Zentralausschuss des Weltkirchenrates über den künftigen Generalsekretär entscheidet.

epd: Wird es nur spannend wegen der Personalie oder auch wegen des Kurses?

Hein: Der Zentralausschuss muss wichtige Richtungsentscheidungen treffen. Das wird das Finanzvolumen betreffen, das erheblich eingebrochen ist. Es muss auch entschieden werden, welche Programme aus finanziellen Gründen gestoppt werden. Ein Volumen von mehreren Millionen Schweizer Franken fehlt. Das hat mit der Wirtschaftskrise zu tun, aber auch mit der säumigen Zahlungsmoral der Mitglieder. Es ist schlichtweg nicht hinnehmbar, dass die Hälfte der Mitglieder keine Beiträge zahlt. Das ist ein Ärgernis. Denn Solidarität gilt nach außen und nach innen. Dass manche Mitgliedskirchen noch nicht einmal bereit sind, einen symbolischen Beitrag zu zahlen und zugleich mitbestimmen, ist ein untragbarer Zustand. Aufgrund der finanziellen Engpässe muss der Zentralausschuss nun prüfen, welche Akzente der Weltkirchenrat künftig setzen wird: Was wollen wir und was nicht? Das kann der Genfer Stab nicht alleine entscheiden. Die Prioritäten muss der Zentralausschuss setzen.

Das Interview führten Rainer Clos und Wolfgang Weissgerber vom epd.

2009-03-20 5253

«Das wäre ein großer Wurf»
Bischof Hein erneuert Vorschlag für Leitenden Bischof der EKD

 

Ein Interview des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

epd: Lassen Sie uns das Thema Reform ansprechen. In Kassel ist für September eine Zukunftswerkstatt «Kirche im Aufbruch» geplant. Wie ist der Stand?

Hein: Dieser Kongress ist ein Unternehmen der Evangelischen Kirche in Deutschland, das in Kassel stattfindet. Die Vorbereitungen sind nach meinem Wissen weit fortgeschritten. Ziel ist eine Zukunftsbörse über Reformprojekte, und dazu werden Multiplikatoren aus den beteiligten Landeskirchen eingeladen. Hier sollen gute Beispiele und Modelle vorgestellt und eine weitere Stufe im Reformprozess markiert werden. Der auf zehn Jahre bis 2017 angelegte Prozess braucht entsprechende Impulse. Einen solchen Impuls soll die Zukunftswerkstatt in Kassel liefern.

epd: Einen solchen Impuls haben Sie selbst gegeben mit einem Aufsatz, in dem Sie eine Stärkung der EKD-Ebene ins Gespräch bringen. Die Reaktionen waren aber wohl nicht nur zustimmend?

Hein: Nein. Das habe ich gar nicht erwartet. Mein Aufsatz ist ein Beitrag zur Strukturreform, auch wenn ich glaube, dass der Protestantismus in Deutschland nicht allein Profil gewinnt, wenn wir uns permanent um strukturelle Fragen kümmern.Mein Vorschlag zielt in eine doppelte Richtung. Zum einen sollten wir überlegen, ob das Modell eines Leitenden Bischofs oder Erzbischofs, das wir aus den nordischen Ländern oder in Partnerkirchen im Süden kennen, auf Deutschland übertragbar ist. Dieser Leitende Bischof wäre der Repräsentant der evangelischen Christenheit in Deutschland, stärker als dies bisher bei dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland der Fall ist. Aufgrund der Präsenz der Bundespolitik in Berlin sollte dieser Leitende evangelische Bischof zugleich Berliner Bischof sein. Das wäre ein großerWurf, der nicht aus Tendenzen zur Katholisierung motiviert ist, sondern weil wir das in vielen ökumenischen Partnerkirchen erleben. Der Leitende Bischof ist Erster unter Gleichen. Dagegen gibt es freilich viele Widerstände, weil man das Modell des Reichsbischofs Müller aus der NS-Zeit vor Augen hat. Zudem befürchtet man im Protestantismus zu recht zu starke Zentralisierungstendenzen.

Wer das genannte Modell mit guten Argumenten nicht möchte, muss sich dann die Frage stellen, wie man denn die Gemeinschaft der Landeskirchen stärken kann. Dahin zielt mein zweiter Vorschlag zur Stärkung der Kirchenkonferenz als Organ der Gemeinschaft der Landeskirchen, in denen letztlich auch entschieden wird, wie viel Geld in der EKD zur Verfügung steht. Das heißt, die Kirchenkonferenz muss in der EKD ein größeres Gewicht erhalten. Es spricht einiges dafür, dass dieses abgeleitete Modell in den nächsten Jahren realisiert wird. Mir ging es darum, den Ball ins Spiel zu bringen und die weiterführende Diskussion anzustoßen.

 (Hinweis der Redaktion: Den Aufsatz von Bischof Hein finden Sie als Download rechts neben diesem Interview.)

epd: Der Bundeskirche geben Sie keine Chance?

Hein: Zumindest sollte man darüber diskutiert haben. Es gibt Tabuthemen in der EKD. Eines davon ist die Bundeskirche, weil es immer noch die negativen Erfahrungen der Reichskirche gibt. Die Demokratie in Deutschland und in der Kirche ist aber so gefestigt, dass es diese Gefahr nicht mehr gibt. Anzuerkennen ist, dass es durch den jetzigen Ratsvorsitzenden gelungen ist, in der Öffentlichkeit ein erkennbares Gesicht des Protestantismus zu präsentieren. Das muss auch strukturell unterfüttert sein.

epd: Das Reformpapier «Kirche der Freiheit» hat zum Thema Bundeskirche vor zwei Jahren vorgeschlagen, dass es in absehbarer Zeit nur noch zehn bis zwölf Landeskirchen geben sollte. Können Sie dem folgen?

Hein: In dieser Frage sollte sich die EKD raushalten. Die Entscheidung über Zusammenschlüsse ist Sache der Landeskirchen und muss von ihnen beantwortet werden. Es gibt Landeskirchen, die diese Notwendigkeit sehen. In Mitteldeutschland haben wir das hinter uns und in Norddeutschland vor uns. In Niedersachsen denken die fünf evangelischen Kirchen über eine gemeinsame Kirche nach. Andere Landeskirchen sehen diese Notwendigkeit nicht, einige sind auf einem guten Kooperationspfad.

epd: Stichwort Ökumene. Die katholische Kirche hat turbulente Wochen erlebt. Gab es Austritte wegen des Papstes?

Hein: Nicht im signifikanten Bereich. Unsere Austrittszahlen sind ohnehin sehr niedrig. Dass die katholische Kirche Gegenwind verspürt ist die Folge davon, dass das Kirchenverständnis auf eine einzige Person fixiert wird. Dann lässt sich nur hoffen, dass diese Einzelperson, der Papst, jeweils das Richtige tut. Eine so hierarchisch organisierte Kirche wie die katholische hat damit natürlich erheblich mehr Probleme als die evangelische.

epd: Das heißt, der Papst hat Fehler gemacht?

Hein: Nicht nur im Fall der Pius-Bruderschaft. Schon in seiner Regensburger Rede hatte er die falschen Worte gewählt und die Muslime aufgebracht. Auch bei der Rehabilitierung der Pius-Bischöfe war er nicht nur falsch beraten. Dahinter offenbart sich die Tendenz des Papstes, die eigene Kirche deutlich zu sichern und zu einen. Dazu gehört auch die Integration jener Gruppierungen, die sich am äußersten rechten Rand der Kirche bewegen. Nach dem Kirchenverständnis des Papstes ist dies nur konsequent.

epd: Hat dies Auswirkungen auf das Verhältnis zu den katholischen Bistümern in Hessen?

Hein: Nein. Wir dürfen die katholischen Bischöfe nicht für alles, was aus Rom kommt, unmittelbar haftbar machen. Die Reserviertheit, mit der die katholischen Bischöfe reagiert haben, hat mich beeindruckt.

epd: Ökumene wird auch mit Genf assoziiert. Nun steht ein Wechsel auf dem Chefposten des Weltkirchenrates an. Wie viele Bewerber gibt es?

Hein: Das wird sehr diskret behandelt. Nach meinem Kenntnisstand sind nicht allzu viele Bewerbungen eingegangen. Das läuft jetzt in einem geordneten Verfahren. Es wird im August spannend, wenn der Zentralausschuss des Weltkirchenrates über den künftigen Generalsekretär entscheidet.

epd: Wird es nur spannend wegen der Personalie oder auch wegen des Kurses?

Hein: Der Zentralausschuss muss wichtige Richtungsentscheidungen treffen. Das wird das Finanzvolumen betreffen, das erheblich eingebrochen ist. Es muss auch entschieden werden, welche Programme aus finanziellen Gründen gestoppt werden. Ein Volumen von mehreren Millionen Schweizer Franken fehlt. Das hat mit der Wirtschaftskrise zu tun, aber auch mit der säumigen Zahlungsmoral der Mitglieder. Es ist schlichtweg nicht hinnehmbar, dass die Hälfte der Mitglieder keine Beiträge zahlt. Das ist ein Ärgernis. Denn Solidarität gilt nach außen und nach innen. Dass manche Mitgliedskirchen noch nicht einmal bereit sind, einen symbolischen Beitrag zu zahlen und zugleich mitbestimmen, ist ein untragbarer Zustand. Aufgrund der finanziellen Engpässe muss der Zentralausschuss nun prüfen, welche Akzente der Weltkirchenrat künftig setzen wird: Was wollen wir und was nicht? Das kann der Genfer Stab nicht alleine entscheiden. Die Prioritäten muss der Zentralausschuss setzen.

Das Interview führten Rainer Clos und Wolfgang Weissgerber vom epd.


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Lesen Sie hier den Aufsatz «Kirchenbund oder Bundeskirche?» von Bischof Prof. Dr. Martin Hein: